Teil 1
Castrop Rauxel am Fr. den 13. 07. 2007.
Nebel legt sich über die finsteren Straßen von Nordrhein-Westfalen. Der Tourbus hat Verspätung und heizt mit Vollgas durch leere Landstraßen.
Vor vier Stunden waren wir noch in Berlin und mussten warten. Stundenlanges Warten in der Mittagshitze asphaltierter Straßen.
Mitten auf einer Kreuzung in Schöneberg war der Tourbus stehengeblieben. Etwas stimmte mit der Kupplung nicht. Die Nerven lagen blank.
Die Hälfte der Crew musste mit öffentlichen Verkehrsmitteln, schwer bepackt mit Merchandise und was man sonst noch für ein Konzert dieser speziellen Art braucht, zum liegengebliebenen Bus finden.
Der Rest versuchte mit wütenden Anrufen bei dieser verdammten Autovermietung einen Ersatzwagen zu organisieren.
Dann ging es endlich los. Die Nerven fingen an sich zu beruhigen. Kein Stau. Keine nervenden Bullen. Freie Fahrt ins Ungewisse.
Kurz vor 22 Uhr. Für den Hotel Check Inn war keine Zeit mehr. Die Menge wartete unbändig vor dem Eingang. Der Veranstalter rauchte eine nach der anderen und war sichtlich nervös als wir ankamen. Kurzer Soundcheck. Für alles andere war es jetzt schon zu spät. Auf dem Weg in den Backstage Bereich kommt einer der Mitveranstalter auf mich zu: "Ich habe eine schlechte Nachricht". Mit allem rechnend frage ich: "Wasn los?". "Naja...Der Bahnhof in Castrop-Rauxel brennt und alle, die nicht mobil sind, werden es nicht zum Konzert schaffen". Sichtlich gerührt antworte ich: "Scheiße". "Ja...also schon mehr als die Hälfte der Karten, die im Vorverkauf weg sind, wurden nicht eingelöst." Naja, denke ich mir, wird schon. Machen wir das beste draus, aber sage: "Wenn's zu leer wird treten wir nicht auf".
Die Location war perfekt. Eine Riesenbühne, wo man den riesigen Horrorkore-Banner hinhängen konnte, ohne das man die Hälfte nicht sah, wie sonst immer.
Hammerharter Sound. Die Stimme drang klar und kraftvoll durch die basshaltigen Beats. Ohne zu verzerren oder unterzugehen wie sonst immer.
Echt Schade, dass die meisten immer nur die Scheißläden zu Gesicht bekommen. Und wenn mal was geiles am Start ist, passiert sowas.
Ich nippe am Energie-Drink. Schmeckt Scheiße. Aber hilft. Die ersten Acts des Abends geh'n auf die Bühne. Die Jungs aus 4.9.0. Erst Straßenspieler und danach Friedhof Chiller. Ich kenne deren Programm schon fast auswendig, kucke aber trotzdem von hinten zu, wenn die Jungs um Sicc und Schlafwandler
die Bühne betreten, geht eindeutig Magie von ihnen aus. Energie, die die Leute ergreift und zum ausrasten bringt. Die Menge tobt wie immer.
Ich lass mich ebenfalls hinreißen und rappe einige Textpassagen, die mit mal zu mal hören, hängengeblieben sind, mit. Die Jungs sind gut. Besser als gut. Als die Show vorbei ist, kommen sie dennoch Mies gelaunt in den Backstage und bauen erstmal. Osna Style. "Was'n los?" frage ich Jayson.
"Ach man Basstard...Das ist echt arm...Es sind vieleicht g'radmal 50 Leute da". "Was?" ich konnte es nicht glauben. Die Rufe und Schreie haben sich wie mindestens 300 Leute angehört. Heftig wie eine motivierte kleine Gruppe einen lahmen Riesenmopp locker wegburnen kann.
Kaisa betritt die Bühne. Ja, er ist eindeutig Chef auf seinem Gebiet. Kontrolliert bittet er alle Gäste auf die Bühne zu kommen. Wenn schon am Freitag den 13. ein Konzert nicht so läuft wie es sollte, dann richtig. Die kleine Menge feiert sich. Hautnah mit Kaisa und den Hassmonstas. Seite an Seite auf der Bühne. Das wünscht sich doch jeder Fan. Meine anfänglichen Zweifel vergehen. Motivation wird durch sie ersetzt. Ich hab richtig Bock drauf.
Nach knapp einer Stunde ist es soweit. Ich hab sogar seit langer Zeit wieder richtig Lampenfieber. Das irritiert mich, aber treibt auch an.
Ich werde angesagt und die Crowd ruft meinen Namen. Erst vereinzelt dann immer mehr. Am Ende ist es ein Chor. Ein krächzendes "Yeaaaah" ertönt durch die Boxen. Die Fans erkennen die Stimme. Meine Stimme. Ich bewege mich langsam Richtung Bühne. Sie ist überfüllt. Ich drängel mich gemeinsam mit Medizin Mann in die Mitte des Menschenhaufens und gehe in ihr unter. Feuchte Umarmungen und schweißnasse Handshakes folgen. Irgendwie Abtörn. Irgendwie Hammer. "Sagt mein Namen" ist passender weise der erste Song. Sie brüllen mit. Die vom DJ arrangierten Lücken werden mit einem Boden erschütternden "BASSTAAAARD" gefüllt. So wie es sein sollte. Das ist Liebe. Das ist Hass zur selben Zeit. Ich halte das Mic in der Hand und lasse einen Part nach dem andern über die fetten Korx-Beats rollen. Aber wieso eigentlich? Sie rappen alle mit. Fast alle. Einige können kaum gerade stehen, geschweige denn mitrappen. Ich halte das Mikro zu den Atzen, die noch fit sind. Es funktioniert. Sie machen es. Sie machen meine Texte, obwohl die ersten Songs ganz frisch aus dem CD-Presswerk gekommen sind. Liebe und Hass zur selben Zeit. Schwarz und Weiß. Nein, das hier ist Grau. Wir befinden uns in einer absoluten Grauzone. Die Außenwelt ist abgestellt. Außer Betrieb. Jetzt gibt es nur noch sie und mich. Ich bin in Extase. Nahe einer übersinnlichen Erfahrung ohne Drogen. Außer dem ekelhaften Energie Drink von vorhin. Es geht leider schneller vorbei als ich wollte. So wie es sein sollte.
Der Weg zum Hotel war ein trauriger Weg. Die Erinnerung an das Konzert schien viel zu schnell zu verblassen. Was blieb war der rauchige Schweißgeruch an den Klamotten. Wie jedesmal. Wir hielten an einer Hamburgerkette. Etwas stärken mit etwas, das dich nicht stärkt. Meine Atzen sind nicht g'rad leise und verdammt gut gelaunt. Aus Spaß drehe ich mich zu einem Tisch mit einigen Leuten, die versuchen sauer zu kucken (In Berlin kucken die Leute anders wenn sie Sauer sind). Gut gelaunt sage ich, um die Situation zu entschärfen, obwohl aus meiner Sicht alles chill ist: "Lasst euch nicht stören...Wir sind gleich wieder weg". Aber erhalte keine Antwort. Seltsame Menschen hier. Überall seltsam, aber hier besonders.
Plötzlich steht einer auf und pöbelt mich an. Seine Freunde wollen ihn zurückhalten, aber er scheint fest entschlossen auf mich losgehn zu wollen.
Instinktiv verpasse ich ihm einen Tritt, um ihn nicht in meine Nähe gelangen zu lassen. Meine Jungs kriegen das mit und einer spuckt den unfreundlichen Pennern voll aufs Essen. Unappetitlich, aber sehr lustig in dieser Situation. Wir wollen keine Eskalation und verlassen den Saftladen.
Außer einigen Rangeleien nichts ernstes. Man wird älter und weiser. Am Hotel angekommen: Der Schock. Die Rezeption hat geschlossen.
Wißt ihr noch? Keine Zeit zum Check Inn? Wir versuchen telefonisch jemandem vom Hotel zu erreichen. Keine Chance, also tümmeln wir uns auf den Gängen und in den wenigen Zimmern der Leute, die früher da waren als wir. Alles Osnabrücker. Nicht solche Chaoten wie wir. Wodka wird ausgeschenkt.
Joints werden rumgereicht. Es wird lauter und lauter, verschlafene Gäste kommen aus den Zimmern und beschweren sich. Siehe da. Es gibt doch noch jemanden, der sich um uns kümmert. Der Hotelmanager persönlich geleitet uns in unsere spärlich eingerichteten Zimmer. Das nennt man Service.
Ich hasse Hotelzimmer. Sie machen mir eine Gänsehaut. Wenn ich daran denke, dass perverse alte Managerbonzen junge Zwangsprostituierte zu widerlichen Sexspielchen zwingen und das im selben Bett, in dem ich gerade liege, wird mir leicht übel. Aber ich lenke mich von dem Gedanken ab, indem ich an das Konzert denke, das hinter mir liegt. Ich bin froh, dass es euch gibt, denke ich, während der Sandmann kommt und meine Realität in einen dunklen, undurchdringlichen Traumschleier einhüllt.